Juli 1914
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Zum 100. Todestag "meines unbekannten Soldaten":

21.4.2017 Letzter Gruß aus Mazedonien

 

Als vor einigen Jahren meine Großmutter starb, entdeckte ich unter ihren Papieren eine alte Feldpostkarte vom 2. April 1917. Es waren Ostergrüße, gerichtet an meinen Großvater, damals 16, von seinem älteren Bruder Heinrich, der als Soldat in Magarevo, Mazedonien, war: "Lieber Otto", schrieb Heinrich, "wenn Dich noch einmal einer fragen sollte, 'wo ich mich herumtreibe!', so sage ihm nur: es wäre jetzt schon lange genug Krieg, so dass er eigentlich wissen müsste, dass ein Soldat sich im Kr. nicht herumtreibt, sondern herumgetrieben wird!!! Das ist Passiv!!! Wenn es nämlich nach mir ginge, so wäre ich niemals trans Danuvium flumen [über den Fluss Donau] gegangen, verstehst Du? Ita est, neque aliter [So ist es, und nicht anders]." Drei Wochen nach diesen bitteren Zeilen war mein Großonkel tot. Gestorben mit 20, in einem Krieg, an den er wohl nicht mehr glaubte. Auf seinem Totenzettel jedoch heißt es mit allem Pathos: "Zum frommen Andenken an den auf dem Felde der Ehre gefallenen Heinrich Pöppelmann, Fähnrich im Inf.-Regt. 146, Inhaber des Eisernen Kreuzes. Geboren zu Coesfeld am 28. Februar 1897, woselbst er auch das Gymnasium besuchte. Voll Begeisterung meldete er sich als Primaner zu den Fahnen, und trat als Junker in das Inf.-Regt. 146 ein. Zum Offizier eingegeben, hat seine Ernennung ihn nicht  mehr lebend erreicht. Er starb in treuer Pflichterfüllung, von Granatsplittern tödlich getroffen, in der Nacht vom 21. zum 22. April 1917. In einem Wäldchen, südwestlich von Meagarevo, in Mazedonien fand er sein frühes Grab. Er war der Stolz und die Freude seiner Eltern."  Außer dem Totenzettel und der Feldpostkarte gibt es nichts von ihm. Kein Bild, keinen Brief, kein Andenken, keine Erzählung, nur die familiäre Überlieferung, dass meine Urgroßeltern ihren jüngeren Sohn angeblich stets fühlen ließen, dass er dem so begabten toten älteren Bruder nicht das Wasser reichen könne. Ich weiß nicht, was dieser für ein Mensch war, ob er wirklich voller Begeisterung Soldat wurde und wann die Ernüchterung eintrat, die er vielleicht nur dem Bruder, nicht aber den so stolzen Eltern zu gestehen wagte, nicht ob er sein Eisernes Kreuz für Grausamkeit gegen den Feind oder tapferen Einsatz zugunsten von Kameraden erhielt. Zu gerne hätte ich auch gewusst, wie die ganze Familie angesichts des deutschen Einmarsches in Belgien damit umging, dass eine der Ihren, die Großmutter von Heinrich und Otto, Belgierin war. Aber leider schweigt auch dazu die Familienüberlieferung. Es kostete mich sogar erheblich Mühe, auch nur ansatzweise herauszufinden, warum deutsche Regimenter in Mazedonien kämpften. (m Grunde war es eine serbisch-bulgarische Front. Aber da die Serben Hilfe der Entente-Mächte erhielten, mussten die Bulgaren gemäß der Kriegslogik von Truppen der Mittelmächte unterstützt werden.) Auch "Meagarevo" musste erst einmal als Magarevo, ein Örtchen nahe Bitola (dem früheren Monastir), identifiziert werden. Es liegt im Süden Mazedoniens am Rand des Pelister-Nationalparks, der übrigens ein wunderbares Wandergebiet sein soll. Aber eben auch der Sterbeort von vielen Männern aus halb Europa: viele davon ähnlich jung wie mein Großonkel, in der Regel wahrscheinlich auch "der Stolz und die Freude" ihrer Eltern und in nicht wenigen Fällen wohl nach anfänglicher Begeisterung ähnlich ernüchtert und verbittert und ganz und gar nicht vom "Gefühl treuer Pflichterfüllung" beseelt. 

C.P.

 

23. 9. 2016 Zum 73. Todestag von Theodor Wolff

Die Entlarvung des Pontius Pilatus

 

Wie fast die gesamte deutsche Journalistenschaft ließ sich auch der angesehene Theodor Wolff im Juli 1914 von der Regierung täuschen. Doch er begab sich anschließend auf Spurensuche und schrieb ein grandioses Buch über die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs, das damals keiner lesen wollte und das auch heute noch fast vergessen ist.

 

Am 22. Juni 1914 lädt der Hamburger Reeder Albert Ballin zum Auftakt der 33. Kieler Woche zu einem seiner legendären Dinners. Auch der Kaiser ist anwesend und die Laune prächtig. "Wilhelm II. war niemals freier von bösen Sorgen, kein Komet zog, Katastrophen ankündigend über den nächtlichen Himmel, die Elbe plätscherte friedlich, die Gäste auf der 'Viktoria Luise' fühlten die Annehmlichkeiten des Lebens bei vielen guten Getränken und auch Deutschland war ein glückhaftes Schiff", wird sich der Journalist Theodor Wolff später an diesen Abend erinnern. Zwar wird nur eine Woche später der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajewo ermordet, doch Wolff fährt mit Frau Aenne und den Kindern Lilli (4), Rudolf (7) und Richard (9) in den Urlaub nach Scheveningen. Das Berliner Tageblatt, dessen Chefredakteur er ist, spricht von einem internen Problem Österreich-Ungarns und fragt in seinem Leitartikel lediglich besorgt, ob die im Umgang mit den bosnischen Serben notorisch ungeschickte Wiener Regierung in der unruhigen Provinz nun neue Fehler begehen wird. Auch die meisten anderen deutschen Zeitungen schlachten das Attentat zwar Seiten füllend aus, sehen darin aber keinen Anlass für eine internationale Krise.

 Genau einen Monat nach dem Dinner auf der Viktoria Luise jedoch, am 23. Juli 1914, steht plötzlich der deutsche Gesandte Felix von Müller, im Hotel d'Orange bei Familie Wolff am Teetisch. Zwar ist Müller ein langjähriger Freund des Journalisten und die beiden haben erst am Vortag gemeinsam mit dem französischen Diplomaten Fernand Prévost in Den Haag gefrühstückt. Doch diesmal kommt er in offizieller Funktion. Er überbringt ein Telegramm aus Berlin. Das Auswärtige Amt lässt anfragen, ob Wolff am 24. wieder in Berlin sein könne. Die österreichische Sache drohe sich zuzuspitzen und es sei gut, Fühlung zu halten.

 Danach sah es bisher nicht aus. Zwar ist relativ bald nach dem Attentat ruchbar geworden, dass die Mörder Hintermänner im serbischen Militär hatten, doch die Gerüchte über einen österreichischen "Schritt" gegen den kleinen Nachbarstaat schafften es in der europäischen Presse nur in die Randnotizen. Erst als am nächsten Morgen ein Anschlag am Kurhaus von Scheveningen über das am Vorabend überreichte Ultimatum an Serbien informiert, erkennt Wolff, dass die "österreichische Sache" sich mehr als zugespitzt hat, und er setzt sich umgehend in den Zug nach Berlin.

 Der 45jährige ist damals einer der renommiertesten Journalisten Deutschlands. Als Sohn eines wohlhabenden Textilgroßhändlers in Berlin geboren, hat er das Gymnasium geschmissen, weil die Lehrerschaft seine mit Herzblut geschriebenen, literarischen Ergüsse ungenügend fand. Sein Cousin, der Verleger Rudolf Mosse, jedoch erkannte die Fähigkeiten des jungen Verwandten und machte Wolff erst zum Feuilleton-Redakteur und 1894 zum Korrespondenten des Berliner Tageblatts in Paris. Dort hat die Dreyfuss-Affäre den literarischen Schöngeist politisiert. Als ihn der Vetter 1906 zurück nach Berlin rief und ihm die Leitung des Tageblattes übergab, überholte er dieses gründlich und machte es zu einer größten und einflussreichsten Zeitungen Deutschlands.

"Es könnten heiße Tage kommen"

 Für die deutsche Regierung jedoch war der linksliberale Wolff zunächst persona non grata. Während etwa die Berlin-Korrespondenten von Kölner und Frankfurter Zeitung regelmäßig empfangen und mit Exklusiv-Informationen versorgt wurden - wofür sie sich allerdings auch als Sprachrohr von Regierungsmeinungen hergaben - war es allen amtlichen Dienststellen lange Zeit verboten, dem Tageblatt irgendwelche Nachrichten oder "orientierende Winke" zukommen zu lassen. Wolff schuf sich jedoch sein eigenes Netzwerk. Auf eine Einladung von Kaiserfreund Albert Ballin etwa durften viele derjenigen, die ihn schnitten, nicht hoffen.

 Erst 1914 scheint der neue Leiter des Auswärtigen Amtes, Gottlieb von Jagow, erkannt zu haben, dass man nicht gut daran tat, die einflussreichste Zeitung Berlins zu ignorieren. Als die Regierung im Mai von einem Spion in der russischen Botschaft in London brisantes Material über ein geplantes englisch-russisches Flottenabkommen erhielt, übergab er die Informationen nicht einem seiner anerkannten Günstlinge, sondern lieber Wolff zur Veröffentlichung. Auch nach seiner Rückkehr aus Scheveningen wird Wolff umgehend sowohl von Jagow wie dessen rechter Hand Wilhelm von Stumm empfangen. Beide versichern, dass die Situation nicht wirklich kritisch sei. "Die Russen würden laut herumschreien und es könnten heiße Tage kommen", notiert Wolff die Ausführungen in sein Tagebuch. "Vielleicht werde Russland mobilisieren und dann werde es natürlich nötig sein, unsere Militärs zurückzuhalten." Aber im Grunde sei Russland noch viel zu schwach für einen europäischen Krieg, habe nicht einmal genügend Munition und müsse sowohl die Revolution wie Aufstände in Polen und Finnland fürchten. Deshalb sei es geboten, die selten günstige Lage zu nützen, um sich aus der bedrohlichen Umklammerung durch die Triple Entente zu befreien und so einen Krieg zu verhindern, der andernfalls in zwei Jahren unvermeidlich komme. Und nein, es wäre wirklich nicht nötig, dass Wolff Frau und Kinder heimrufe.

 Dem gefällt die Sache trotzdem nicht und er ringt sowohl Jagow wie Stumm die Versicherung ab, dass man einen Ausweg habe, wenn das Kalkül nicht aufgehe. Aber er lässt sich überzeugen, dass es im Augenblick das Beste sei, zu Österreich und seinen Forderungen zu stehen, um nicht Russland durch Zeichen der Schwäche zu einer aggressiven Politik zu verleiten.

Zwei Jahre später, im Mai 1915, wird Theodor Wolff Wilhelm von Stumm vorwerfen, er habe sich damals 12 Stunden lang bestimmen lassen, eine Politik mitzumachen, die ihm widerstrebte. "Nur zwölf Stunden lang, aber es wird mich immer bedrücken."

 Die 12 Stunden sind jedoch eine Beschönigung. Zwar verliert Theodor Wolff bei seinen Besuchen im Auswärtigen Amt von Tag zu Tag mehr den Glauben, dass die Regierung eine diplomatische Lösung für den Konflikt finden wird, aber es entgeht ihm völlig, dass man in der Wilhelmstraße überhaupt nicht verhandelt, sondern im Gegenteil alle diplomatischen Offensiven des Auslandes konsequent abblockt. Er erkennt weder, dass es gar keinen Plan B gibt, noch, dass die Regierung sich außerstande sieht, das eigene Militär zurückzuhalten, für das der Beginn der russischen Mobilmachung unweigerlich den Startschuss für einen Zweifrontenkrieg darstellt. Stattdessen ist für ihn die immer bedrohlicher werdende Lage ein Grund, den eigenen Politikern erst recht nicht mit Kritik oder Zweifeln in den Rücken zu fallen. Wie ihm geht es fast der ganzen deutschen Presse. Außer der äußersten Linken, die der deutschen Staatsführung grundsätzlich nur das Schlechteste zutraut, zweifelt niemand an der ehrlichen Friedensliebe der Regierenden. Spätestens als amtlich bestätigte Meldungen einen russischen "Überfall" im Osten und angebliche französische Bomber über Nürnberg melden, ist auch für die letzten linksliberalen und gemäßigt sozialistischen Blätter klar, wo die Schuld für den Kriegsausbruch zu suchen ist.

Die Einsamkeit des Aufklärers

 Im Gegensatz zu vielen anderen, die ihre Meinung nie revidieren werden, lassen Wolff die Ereignisse aus dem Juli 1914 aber nicht los. Schon bald nach Kriegsbeginn beginnt er zu forschen, was damals wirklich geschah. Seine Tagebücher sind Ausweis davon, wie er ständig seine hochrangigen Kontakte nutzt, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen.

Nach dem Krieg jedoch ist sein Patriotismus wieder stärker als alle Zweifel. Weil er den unerbittlichen Siegern, die Deutschland und seinen Verbündeten die Alleinschuld am Krieg geben, keine Munition liefern will, hält er seine Erkenntnisse zurück. Stattdessen wird er Mitbegründer einer neuen liberalen Partei, die das aufgeklärte Bürgertum neben der Sozialdemokratie und dem Katholizismus der Zentrumspartei als dritte Stütze für die junge Weimarer Republik aktivieren soll. Dies misslingt, macht Wolff aber zur Zielscheibe des rechten Hasses.

Neben allem aktuellen Engagement arbeitet er aber auch weiterhin akribisch die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs auf. 1924 erscheint Das Vorspiel, das die Jahre von 1900 bis 1909 behandelt. Als er 1933 endlich auch seine Erkenntnisse über die Jahre bis 1914 für veröffentlichungsreif hält, ist die Republik nicht mehr zu retten. Wolff flieht direkt nach dem Reichstagsbrand in die Schweiz. Dort erscheint ein Jahr später Der Krieg des Pontius Pilatus.

 Das Buch ist nicht nur ein literarisches Meisterwerk, sondern auch von erstaunlicher Aktualität. Es zeigt, dass das meiste, was man heute über den Kriegsausbruch weiß, auch damals kein Geheimnis war, und wer wollte, die Fakten hätte kennen können. In einer kritischen Ausgabe mit ein paar ergänzenden Fußnoten hätte Wolffs Werk das Potential auch heute noch in der Liga von Clark, Münkler, Krumeich, Rauchensteiner und Leonhard mitzuspielen. Zwar fehlte ihm die ein oder andere Quelle, die man heute kennt, dafür kann er mit seiner Zeitzeugenschaft und zahlreichen hochkarätigen Informanten aufwarten, deren Aussagen er mit professioneller journalistischer Distanz einzuordnen wusste. Auch der internationale Blick auf die Krise, für den Christopher Clark so gelobt wurde, ist bereits bei Wolff zu finden. Wie Clark vertritt er die Überzeugung, dass jede Nation ihre Pontii Pilati hatte, die alle, weil keiner die eigenen Ansprüche zurückschrauben wollte, am Todesurteil für den Frieden mitwirkten und anschließend ihre Hände in Unschuld wuschen. Wolf ist dabei sogar noch konsequenter als der Professor aus Cambridge, denn er kennt auch keine Schonung für Deutschland und Österreich-Ungarn. Mit scharf geschliffener Ironie, grandiosem Sprachwitz und einer beeindruckenden Informiertheit rechnet er mit den Fehlern der verschiedenen Akteure und Systeme ab. Immer wieder zündet er intellektuelle Feuerwerke, die den Leser und die Leserin in staunende Begeisterung versetzen, aber teilweise auch an die Grenzen ihrer literarisch-historischen Bildung bringen. Dabei verlässt Wolff jedoch nie sein Gefühl für Fairness und nach einer ebenso brillanten wie vernichtenden Analyse von Wilhelms des Zweiten autokratischer Geisteshaltung etwa, nimmt er den Kaiser bei nächster Gelegenheit wieder vor dem Vorwurf, kriegslüstern gewesen zu sein, in Schutz. Auch im Verhältnis der Mächte verfällt er nie in Schwarz-Weiß-Malerei, sondern zeichnet präzise und einfühlsam die Entwicklungen nach, die zu der Melange aus Misstrauen, Hass und Drohgebärden führten, die schließlich das Unheil auslöste. Dabei wirft er nur zu oft Fragen auf, die - da nicht wissenschaftlich beantwortbar - auch von der aktuellen Diskussion nicht berührt werden. Etwa: "Wenn die österreichische Armee sich für eine bestimmte Zeit auf dem serbischen Territorium einquartiert, die österreichische Militärjustiz allen Verdächtigen den Strick gedreht und die österreichische Militärmusik täglich auf den Dorfplätzen 'Gott erhalte Franz den Kaiser' gespielt hätte - hätte das der slavischen Propaganda ein Ende gemacht?" Aber nicht von ungefähr glaubte man ja auch noch 1989, Al-Kaida durch einen Krieg gegen Afghanistan besiegen zu können. "Kein Bösewicht", schreibt Wolff über Pontius Pilatus, "Durchschnitt aus allen Generationen, immer wieder geboren, in Millionen von Abgüssen lebend, amtierend, sich versorgend und von all diesen Millionen noch heute bespien und geschmäht. Als wären sie nicht aus demselben Lehm gemacht wie er. ... Auch das war eine Illusion, wenn sie meinten, am Tage des Friedensschlusses würden alle Menschen von der Dummheit genug haben und die Blindheit, die Krankheit des Lügens und Sichbelügens würde verschwinden, die man sich nur aus der Kriegspsychose erklären wollte und die doch ein chronischer Zustand, ein den meisten Menschen notwendiger ist."

1934 wollte das niemand mehr lesen. Das Buch wurde zum Verlustgeschäft. Und auch 80 Jahre ist es nicht aus seiner Versenkung geholt worden. Denn es ist inzwischen über 70 Jahre her, dass Theodor Wolff in Nizza verhaftet und ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht wurde. Seine Familie überlebte, er aber starb am 23. September 1943. Damit ist das Urheberrecht auf sein Werk nun erloschen. Trotzdem war offenbar mit dem Krieg des Pontius Pilatus zum 100. Jahrestag der Katastrophe kein Geschäft mehr zu machen. Die gute Kehrseite dieser traurigen Medaille: Der Text ist frei verfügbar hier für jeden einsichtig.

C. P. 

1.9. 2014 Nesthäkchen und die Propagandaschlacht

Das könnte mich doch interessieren, hat jemand gemeint und mir "Nesthäkchen und der Weltkrieg" geschenkt. Dieser Band 4 der ab 1913 erschienen Mädchen-Buchreihe von Else Ury war nach 1945 - im Gegensatz zu den anderen Bänden - nicht wieder aufgelegt worden und wurde erst jetzt "zum Hundertsten" neu veröffentlicht. Recht so! Recht so, dass man zarte Kinderseelen vor diesem Machwerk bewahrt hat und recht so, dass das Ganze trotzdem wieder zugänglich gemacht wurde. Ob man den Stil mag, in dem über die reizenden Streiche des "kecken Blondschopfs" geschrieben wird, ist Geschmacksache. Und dass die Kinder darum wetteiferten bei deutschen Siegen als erste ihre Fahne aus dem Fenster zu hängen und bei Soldatensammlungen am meisten zusammen zu bringen, das war 1914 bestimmt so.

Aber "Nesthäkchen und der Weltkrieg" erschien 1922. Vier Jahre nach dem Friedensschluss - und dann weiter bis 1938, bis die Muster-Patriotin Else Ury - da Jüdin - von den Nazis Schreibverbot erhielt, wurde den kleinen Leserinnen erzählt, wie unschuldige Deutsche von den Kosaken niedergemetzelt, von den Engländern ausgehungert und von den Italienern verraten wurden. Die Mär vom unschuldigen Deutschland und den bösen Feinden wurde munter weitergegeben. Dabei gibt es im Buch durchaus eine Meta-Ebene auf der Nesthäkchens Verfehlungen gerügt werden, etwa wenn sie einen Thailänder mobbt, weil sie ihn für einen feindlichen Japaner hält, oder eine Deutsch-Polin, der sie unterstellt, eine russische Spionin zu sein. Aber für Deutschlands Rolle gibt es keine Meta-Ebene, die auch nur ansatzweise relativiert, dass man vielleicht nicht so völlig unschuldig war und die zeitgenössische Stimmung von 1914-16 nicht der Erkenntnis letzter Schluss ist. "Unvergessliche Tage", heißt es stattdessen schwärmerisch, "diese herrlichen Augusttage des ersten siegreichen Vordringens der deutschen Truppen, der großen opferfreudigen Begeisterung der Daheimgebliebenen! Jedem der jungen Kinder, die da für das Vaterland schafften, gruben sie sich unauslöschlich für das ganze Leben in die Seele." Und auch noch die Schilderung, wie das fröhlich Nesthäkchen das Anstehen um Butter im Kriegsjahr 1916 gegen Ende des Buches zur heiteren Heldentat macht, muss die Kinder der Weimarer Zeit auf die Weltkriegsgeneration so neidisch gemacht haben, wie es später deutsche Enid-Blyton-Leser auf englische Internatszöglinge wurden, die auf "aufregenden" Mitternachtspartys Ölsardinen in sich reinstopfen durften. Da gerät Else Urys "goldenen Humor" (Verlagswerbung) zur echten Horrorlektüre! Aber, liebe Schenkerin, wirklich sehr interessant!

C.P.

7.8. 2014 In Afrika gelernt?

Im Blutrausch alles niedergemetzelt, Babys die Hände abgehackt, Frauen zu Tode geschändet ... Nein, die deutschen Kriegsgräuel in Belgien waren nicht so schlimm, wie es die alliierte Propaganda behauptete. Aber was bleibt, ist entsetzlich genug. Rund 6000 Zivilisten wurden getötet, viele davon als angebliche Freischärler hingerichtet, darunter auch Frauen und Kinder. So schlimm das ist, es ist nicht erstaunlich. Dererlei passiert in Kriegen, wenn die Rohheit immer mehr um sich greift. Erstaunlich ist, dass es im Ersten Weltkrieg so früh geschah. Die ersten Ausschreitungen gegen Zivilisten gab es bereits am 5. August, also einen Tag nach dem Einmarsch in Soumagne (118 Tote), am 7. wurde dann bereits in Serie exekutiert: Warsage (14 Tote), Herstal (17 Tote), Lixhe (11 Tote), Louveigné (28) Tote. Das Ganze steigerte sich bis zum schrecklichen Massaker von Dinant am 23. August mit 674 Toten und dem Niederbrennen der Stadt Löwen am 25. August mit 248 Toten. Die Historiker erklären diese Massaker zumeist damit, dass in der deutschen Armee eine große Panik vor Freischärlern, so genannten Franc-Tireurs, geherrscht habe. Sie verweisen auf den Krieg von 1870/71, als man es gerade in der Spätphase in Südfrankreich massiv mit Freischärlern zu tun bekommen hatte.

Aber wurde dieses Trauma wirklich über mehr als 40 Jahre weitergegeben? Nach einem gewonnenen Krieg, der im Wilhelminischen Kaiserreich immer nur glorifiziert wurde? Von den Schrecken sprach doch öffentlich eigentlich keiner. Konnte diese Erinnerung die deutschen Soldaten, die all das nicht selber miterlebt hatten, in einen solchen Ausnahmezustand versetzen, dass sie wegen irgendwelcher verirrten Schüsse - die in vielen Fällen nachweislich "friendly fire" (Scheißwort!) waren - in einen solchen Ausnahmezustand versetzt wurden, dass sie reihenweise Leute hinrichteten?

Es wurde inzwischen nachgewiesen, dass auch in den schrecklichsten Kriegen ein Großteil der Munition einfach verballert wird. Weil es den meisten Soldaten extrem schwer fällt, ihre natürliche Tötungshemmung abzulegen. Okay, in den Hollywood-Filmen sind es immer die Bösen, die viel schießen und nie treffen, während der Held mit fünf Schuss ein Dutzend Feinde ummäht. Aber in der Wirklichkeit ist es genau umgekehrt. Einige Wenige mit geringen Tötungshemmungen zielen gut. Der Rest ballert und tötet eher durch Zufall. Ich hatte einmal die Gelegenheit, DDR-Protokolle von "Grenzzwischenfällen" einzusehen. Es war mitunter erstaunlich, mit wieviel Schuss es die Grenzer schafften, den Flüchtling nicht zu treffen.

Konnten es also wirklich nur die Erzählungen der Alten von 1871 sein, die die Tötungshemmung im August 1914 innerhalb von zwei Tagen so vollständig schwinden ließen, dass man reihenweise Exekutionen vornahm, was ja im Gegensatz zum Zielen im Kampf noch mal eine verschärfte Art des Tötens ist? Denn Kriegserfahrungen, die diese Hemmung bereits früher zerstört hätten, hatten die deutschen Soldaten ja nicht. Oder? Doch, es gab sie. Es gab im deutschen Heer sogar Soldaten, die Erfahrung mit einem Genozid hatten. Jene, die 1908 im so genannten Hererokrieg gekämpft hatten. Und die Niederschlagung des Maji-Maji-Aufstandes in Deutsch-Ostafrika 1905 war nicht weniger brutal, sondern nur weniger bekannt. Waren es also die Afrika-Veteranen, die von Anfang an diese besondere Brutalität in den deutschen Angriff brachten? Der Wikipedia-Artikel über das Massaker von Dinant nennt einen Beteiligten mit Namen: Johann Meister. Er war 1908 in Namibia dabei. Es würde sich lohnen, dem nachzugehen.

C.P.

4.8.2014 Der Pathos der Verführten

"Alles ist sich klar darüber, dass dieser Krieg Deutschland die Weltherrschaft oder den Untergang bringen muss", notierte Harry Graf Kessler am 3. August 1914 nach einem abendlichen Beisammensein mit seinen Regimentskameraden in sein Tagebuch. Eigentlich gilt der Kunstmäzen und Dandy als Pazifist, aber das wurde er erst nach dem Krieg. Im Juli 1914 schwang er die gleichen wilden Reden wie die Nationalisten und glaubte genauso an das Märchen vom russischen und französischen Überfall wie viele andere Intellektuelle in Deutschland auch. Gerade Intellektuelle.Thomas Mann begrüßte den Krieg als Heilsbringer, der Schlaffheit, Dekadenz und alle sonstigen Zivilisationsübel beseitigt und auch, was seine Kollegen Gerhart Hauptmann, Rainer Maria Rilke, Frank Wedekind, Hugo von Hofmannsthal und viele mehr damals von sich gaben, ist von grandioser Peinlichkeit. Auch der später so vehement für die Akzeptanz des Versailler Vertrages streitende Matthias Erzberger begrüßte den Krieg damals mit vollem Herzen und ein großer Teil der deutschen Professorenschaft tat dies ebenso. Schon an den ersten nationalistischen Demonstrationen, gleich nach der "Ablehnung" des Ultimatums, hatte neben "Studenten in Wichs" "durchweg ein gutbürgerliches Publikum" teilgenommen. Überall stößt man auf ein Gefasel von Deutschlands historischer Mission, auf eine Kraftmeierei mit Worten, die es den Gegnern später leicht machte, den Deutschen ein Weltmachtstreben anzuhängen. Ein politisch vorangetriebenes Weltmachtstreben gab es nicht, eine gewaltige Sehnsucht nach Größe aber sehr wohl. Gerade bei eigentlich klugen Köpfen aus den saturiertesten Schichten der Wilhelminischen Gesellschaft zeigt sich eine massive Unzufriedenheit und ein Verlangen nach etwas "Großem", "Heiligen", "Absoluten", das man als pubertär abtun könnte, wenn es nicht das Alter der Betroffenen verböte. Graf Kessler war 46, Mann, Rilke und Erzberger 39, Hauptmann sogar schon 52 Jahre alt.

Und man wird bei all diesen Schlagworten von "Weltherrschatt oder Untergang", von "Weltenbrand" (Bethmann Hollweg), "schwerster Blutarbeit, die die Welt je gesehen hat" (Wenninger) und "Gräuel, an die die Welt nur mit Schaudern denken kann" (Moltke), das Gefühl nicht los, dass trotzdem keiner von denen, die sie im Munde führte, sich vorstellen konnte, wie recht er mit diesen Superlativen haben sollte. Graf Kessler spricht zwei Sätze zuvor von heiterer Zuversicht, dass man am Ende trotz "zeitweiser Rückschläge" siegen müsse. Der bayerische Militärattaché Wenninger empfindet unmittelbar nach der Erwähnung der Blutarbeit trivialste Schadenfreude, dass den Berliner Sonntagsreitern ihre schönen Pferde weggenommen werden, und Generalstabschef Moltke hatte trotz aller Schreckensszenarien nicht einmal genügend Winterkleidung und Munition für die ihm unterstellten Truppen. (Wäre es nicht den unseligen BASF-Chemiker Fritz Haber und Carl Bosch "rechtzeitig" gelungen, auch aus Stickstoff anstelle des nicht mehr erhältlichen Salpeters Munition herzustellen, wäre der Krieg noch vor dem Jahresende 1914 mangels Kriegsmaterial zu Ende gewesen.)

Sucht man nach Köpfen, die nicht der allgemeinen Verblendung unterlagen, dann muss man ziemlich weit nach links gehen - oder in die Viertel der einfachen Leute. Zahlreiche Studien, meist für ein räumlich begrenztes Gebiet, haben inzwischen herausgefunden, dass es bei einem genauen Blick das kollektive "August-Erlebnis" so nicht gab, dass bei den "normalen Leuten" Angst, Bestürzung und Verwirrung überwogen, und auch die Zeitungen von 1914 berichteten, wenn sie mal nicht nur auf den Berliner Schloss- oder den Münchner Odeonsplatz schauten, von Schrecken und Ernst, mit denen Ultimatum, Kriegszustand und Mobilmachung aufgenommen wurden. Es waren also gerade nicht die brillanten Geister, die sich im Juli und Anfang August 1914 nicht blenden ließen, sondern die eher schlichten Gemüter, die den Krieg ganz spontan als Schrecken begriffen und ihn sich nicht aufgrund irgendwelcher versponnenen Ideologien gerne "groß" und "heilig" oder als Chance zur Weltherrschaft denken wollten.

C.P.

 

25.7. 2014 Das Ultimatum oder: Wann ist ein Krieg ein gerechter?

Heute vor 100 Jahren lehnte Österreich-Ungarn die serbische Antwort auf das gestellte Ultimatum ab und beschloss damit den Krieg - obwohl bereits recht klar voraussehbar war, dass dieser ein Weltkrieg werden würde. Aber was hätte Österreich denn anderes tun sollen, hört man heute - im Gefolge von Christopher Clark - wieder recht häufig. Immerhin sei ja der eigene Thronfolger ermordet worden. Das habe man doch nicht einfach so hinnehmen können. Und auf friedlichem Gebiet sei der großserbischen Propaganda ja nicht beizukommen gewesen. Und schließlich sei es um die Existenz des Habsburger Reiches gegangen.

Die Bewertung des Ultimatums zeigt, dass die oft extrem konträren Ansichten über den Ausbruch des Ersten Weltkrieges teilweise nicht auf Unklarheiten in Bezug auf den Forschungsstand beruhen, sondern schlicht auf verschiedenen politischen Standpunkten der Kontrahenten. Es gibt nun einmal Menschen, die es okay finden, in einer solchen Situation wie der österreichischen vom Juli 1914 zum Mittel Krieg zu greifen. Es gibt Menschen, für die das ein Verbrechen ist.

Die Frage, ob Österreich durfte, was es damals tat, ist weniger eine geschichtswissenschaftliche, denn eine politisch-philosophische. Und die Philosophie hat eigentlich eine recht einfache Antwort auf die Frage, wann ein Krieg als gerecht bezeichnet werden kann. Es müssen drei Bedingungen erfüllt sein: a) er darf absolut nur zur Abwehr eines Angriffs dienen, entweder auf einen selber oder einen hilfsbedürftigen Dritten; b) er muss in den Mitteln angemessen sein; c) er muss Aussicht auf Erfolg haben. Was aber bedeutet das für Österreichs Krieg gegen Serbien?

1.  Die Vorstellung, man könne eine Untergrundbewegung wie die großserbische in Bosnien durch einen Krieg gegen ein Unterstützerland stoppen, ist einigermaßen hanebüchen. Al-Kaida wurde durch den Krieg gegen Afghanistan auch nicht geschwächt. Das hätte man aber auch 1914 schon wissen können, schließlich hatte man das Problem mit dem großserbischen Terror erst seit der Annexion Bosniens, also einem Zeitpunkt, wo man eigentlich den Zugriff auf das fragliche Territorium intensiviert hatte. Franz Ferdinand hatte das übrigens erkannt. Er wehrte Conrad von Hötzendorffs Kriegsansinnen gegen Serbien mit der Begründung ab, dass ein solcher Krieg nur neue Probleme bringe, die man wahrlich nicht brauchen könne, wo man noch nicht einmalt mit Bosnien fertig werde. Zwar wollte man 1914 Serbien nicht annektieren, doch große Teile an benachbarte Balkanstaaten "verschenken" - und das nach den ethnischen Säuberungen, die alle Parteien in den Balkankriegen von 1912/13 begangen hatten. Und so glaubte man "ein für allemal Ruhe" auf dem Balkan zu bekommen? Geht es noch blöder und weniger Erfolg versprechend?

2. Zur Vorgeschichte des Attentats gehört, dass Bosnien 1908 absolut völkerrechtwidrig von Österreich-Ungarn annektiert worden war. Und zuvor besetzt. Letzteres zwar mit Zustimmung der Großmächte, aber eben nicht der Bosnier selber. Von Recht kann bei diesem Akt keine Rede sein, nur von Machtpolitik. Aber ein Blick auf die Vorgeschichte des ersten Weltkriegs zeigt auch, in welch erschreckendem Maße man strenge Rechtsmaßstäbe nur an das Verhalten anderer anlegte, während man selbst glaubte, selbstverständlich seine Interessen, seine Großmachtstellung wahren zu dürfen. Das traf nicht nur auf das österreichisch-deutsche Vorgehen in der Julikrise zu, aber eben auch.

3. Zu den inoffiziellen Regeln der damaligen Machtpolitik gehörte, dass auf dem Balkan nichts Privatsache war.  1878 betrachteten es alle Großmächte als ihr selbstverständliches Recht in Russlands Friedensschluss mit der Türkei reinreden und ihre Interessen in die Waagschale werfen zu dürfen, 1885 zwang Österreich-Ungarn die Bulgaren, aus ihrem Sieg gegen den serbischen König Milan keinen Gewinn zu ziehen, obwohl dieser angegriffen hatte, 1912 waren es wieder vor allem die Großmächte, die über die Resultate des Krieges der Balkanvölker gegen die Türkei bestimmten, nicht diese selber. Auch die Haager Friedensordnung verpflichtete die Unterzeichner, Vermittlungsbemühungen anzunehmen. Das österreichisch-deutsche Dogma, der Konflikt zwischen dem Habsburger-Reich und Serbien gehe keine Macht etwas an, verstieß also gegen alle bisherigen Gepflogenheiten.

4. Natürlich wären die Resultate einer weiteren Konferenz für Österreich-Ungarn unbefriedigend gewesen und hätten niemals eine wirkliche "Rache" für die Ermordung des Thronfolgers gebracht. Aber Politik kennt kein Recht auf Rache und wegen zweier Menschen, wie blautblütig auch immer, einen Weltkrieg zu entfesseln, hat mit Angemessenheit nichts zu tun.

5. Auch die Vorstellung, dass das Habsburgerreich wirklich über weitere Konflikte in Bosnien, vielleicht sogar eine Abspaltung zerbrochen wäre, also durch die großserbische Propaganda in seiner Existenz bedroht wurde, waren wohl eher Hysterie, denn der Situation angemessen. Auch, dass es mit einer Reaktion, die auf Bosnien beschränkt gewesen wäre, seine Großmachtstellung riskiert hätte, ist Humbug. Niemand erwartete - und bis auf rechtsaußen forderte auch niemand - einen Krieg gegen Serbien. Das aber hätte man getan, wenn eine Großmacht nach den Gesetzen der Zeit so hätte handeln "müssen".

6. Selbstverständlich hätte Russland sich raushalten können - und damit innere Unruhen und eine empfindliche Schwächung seiner Großmachtstellung hinnehmen. Es signalisierte frühzeitig (ab dem 7. Juli) und mehrmals, dass es das nicht tun würde. Für das deutsch-österreichische Vorgehen hatten diese Warnungen absolut keine Relevanz.

7. Das österreichisch-deutsche Argument, Russland könne dem österreichisch-serbischen Krieg ruhig zusehen, da man dessen staatliche Integrität nicht antasten werde, war glatt gelogen. Serbien sollte zerschlagen und entmachtet werden und auch Russland durch erzwungenes Stillhalten - wenn es das denn getan hätte - gedemütigt und geschwächt.

8. Natürlich hätte auch Serbien das Ultimatum auch annehmen können - obwohl es das nicht sollte. Dann wäre höchstwahrscheinlich die serbische Regierung gestürzt worden - und Österreich hätte erst recht einen Grund zum Eingreifen gehabt. Alle Argumentationen, das Ultimatum wäre ja eigentlich gar nicht so hart gewesen, sind ahistorische Augenwischerei. Österreich-Ungarn wollte den Krieg und wählte Bedingungen, von denen es wusste, dass sie nicht angenommen werden würden.

9. Man sollte auch nicht ganz aus den Augen verlieren, dass nicht Serbien den Thronfolger umbrachte, sondern unzufriedene Habsburger Untertanen. Princip & Co. waren "homegrown terrorists", auch wenn sie natürlich durch serbische Propaganda aufgehetzt worden sind. Aber wenn Hass-Propaganda ein Weltkriegsgrund wäre, kämen wir aus den Weltkriegen gar nicht mehr heraus.

Österreich-Ungarn bestand also darauf, in einer Situation, die problematisch, aber keineswegs existenzbedrohend war und an deren Entwicklung es alles andere als unschuldig war, ein völlig ungeeignetes Gegenmittel zu ergreifen, ignorierte dabei völlig alle bisherigen diplomatischen Gepflogenheiten und akzeptierte sehenden Auges einen Weltkrieg, um einen Doppelmord an seinen "geistigen Anstiftern" vergelten zu dürfen. Stammtische mögen "Recht so" brüllen, alle Philosophen dagegen und auch jeden vernunftbegabten Politiker kann nur das blanke Entsetzen ergreifen.

C.P.

8.5.2014 Die Frontstellung in den Köpfen

"Fatal ist die Frontstellung in den Köpfen der Menschen", schreibt Christian Esch, der großartige Moskau-Korrespondent der Berliner Zeitung, in einem Artikel über die Lage in der Ukraine. "Von allen Vorwürfen, die man Moskau machen muss, ist dieser vielleicht der stärkste - dass es mit seinem propagandistischen Trommelfeuer jede Politik unmöglich macht. Mit völkermordenden Faschisten kann es naturgemäß keine Einigung geben. Offiziell mag man von Föderalismus und Verfassungsreform als Zielen reden, aber die Sprache, in der man es tut, lässt nur noch Gewalt zu."

Es wird dieser Tage immer wieder nach Parallelen zwischen dem aktuellen Ukraine-Konflikt und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren gesucht. Dies ist eine. Aber wenn es in den Diskussionen tatsächlich mal nicht darum geht, wer wann was machte und damit welche Schuld auf seine Nation lud, sondern um die Feindbilder in den Köpfen, dann setzt man hierzulande gerne mit der Stilisierung der Deutschen als "boches" oder "Hunnen" durch die Ententemächte im Gefolge der Kriegsverbrechen in Belgien an. Doch das war nicht der Anfang. Es begann früher. Es begann in den letzten Friedenstagen, in denen die deutschen Politiker glaubten, den Krieg eröffnen zu müssen (und das taten sie, egal, was man von der Politik Russlands und Frankreichs halten mag) und sich doch gleichzeitig als die Angegriffenen hinzustellen hatten, um das eigene Volk hinter sich zu bringen, vor allem die Sozialisten, die am 28. Juli noch zu Hunderttausenden gegen den Krieg demonstriert hatten. Vieles andere, vielleicht sogar alles missglückte ihnen in der Krise, dies jedoch nicht. Die geistige Mobilmachung der Deutschen bekamen Bethmann Hollweg & Co. leider phantastisch hin. Sie brauchten dazu nicht einmal zu Hasspropaganda zu greifen. Sie verschwiegen einfach, dass sie Russland den Krieg erklärt hatten und behaupteten, unermüdlich weiter für den Frieden zu kämpfen. Als dann im Laufe des 2. August die ersten Nachrichten von Grenzüberschreitungen russischer Truppen in Ostpreußen eintrafen, glaubte in Deutschland natürlich alles an einen "Überfall", während es sich in Wahrheit um eine Reaktion auf die deutsche Kriegserklärung handelte. Am nächsten Tag enthielten die deutschen Zeitungen dann seitenweise Meldungen über französische Untaten wie Bombenabwürfe bei Nürnberg oder mit Cholera-Bakterien vergiftete Brunnen: lauter "Tatarenmeldungen", von denen die Regierung längst wusste, dass sie falsch waren, die sie aber trotzdem "amtlich bestätigt" weiterverbreitete. Und sie schlugen ein, als wären tatsächlich Bomben gefallen. Die Stimmung in der Bevölkerung, die zuvor - mal abgesehen von Serbien - nicht von Feindseligkeiten gegen andere Nationen geprägt gewesen war, kippte völlig. Sogar linksliberale und gemäßigt sozialistische Zeitungen riefen nun dazu auf, Familien und Vaterland gegen "die beispielslose Perfidie" der "moskowitischen Barbarei" und die "alle Gesetze der Menschlichkeit missachtenden" französischen "Giftmischer und Mörder" zu verteidigen. Als dann auch England in den Krieg eingriff, wurde es beschuldigt, es habe sich allein deshalb mit  den "feigen Regisseuren des Königsmordes an der Newa" und den "vom Wahne des Revanchegedankens verblendeten Franzosen" verbunden, um seine Geschäfte mit Deutschlands Elend zu machen. Der Glaube an eine solche Aggression der Feinde, nicht der heutige Wissenstand über die Krise, war dann auch der Hintergrund, vor dem die SPD ihre vielkritisierte Zustimmung zu den Kriegskrediten gab. 

Ungemein fatal, immens langlebig, völlig unterschätzt

Warum der Krieg, wenn schon ausgebrochen, nicht wenigstens früher endete, wo doch die Militärs aller Länder schon im November 1914 einsahen, dass sie ihn nicht mehr wirklich gewinnen konnten, wird oft gefragt. - Deswegen! Okay, die Tatsache, dass man hoffte, die bereits gewaltigen Kosten auf etwaige Verlierer abschieben zu können, mag auch eine Rolle gespielt haben. Aber die entscheidende Frontstellung war meines Erachtens die in den Köpfen. Wie kann man mit Giftmischern und Mördern, mit perfiden Barbaren, wahnhaften Revanchisten, völlig gewissenlosen Geschäftemachern, bzw. Boches und Hunnen Frieden schließen? Man hatte eine Sprache - und damit ein Denken - provoziert, das nur noch Gewalt zuließ. Irgendwann ging der Krieg dann zwar doch noch zu Ende, die Frontstellungen in vielen Köpfen jedoch blieben: Und führten zu Faschismus und Zweitem Weltkrieg.

Der Erste Weltkrieg könnte also auch hier ein Lehrstück sein, wie ungemein fatal, wie immens langlebig eine solche ideologische Mobilmachung ist. Komischerweise findet es kaum Resonanz. Nicht nur die Feuilletons, auch das Publikum interessiert sich entweder für Einzelschicksale oder für die internationale Politik. Dort aber stehen dann "die Deutschen", "die Russen", "die Engländer" gegeneinander. Die Konfliktlinien innerhalb einer Nation verschwimmen. Dabei sind sie nicht weniger interessant oder brisant als die zwischen den Nationen. Auch in der Ukraine geht es ja schließlich um alte Frontlinien, an denen jetzt wieder reale und ideologische Geschütze aufgefahren werden und jede Seite sich dem Bewusstsein hingibt, "heiligen Boden" gegen "alle Gesetze der Menschlichkeit missachtende" Aggressoren verteidigen zu müssen.

C.P.

11.3.2014 "Enkelin" auf Standortsuche: Zur Rezension in der FAZ

"Fischer-'Enkelinnen'  ziehen gegen Christopher Clark zu Felde“, überschreibt die FAZ heute einen Beitrag, in dem sie Annika Mombauers „Die Julikrise“ und mein Buch bespricht. Es ist schon lustig: Entweder muss man sich im Moment Christopher Clarks Interpretation der Ereignisse anschließen oder man wird in das Lager von Fritz Fischer gesteckt. Dazwischen gibt es scheinbar nichts. Auch Professor Gerd Krumeich hat sich schon mit mildem Kopfschütteln darüber mokiert, dass er als Schüler von Wolfgang Mommsen auf seine alten Tage noch zum Fischerianer deklariert wird. Jedenfalls meint Rainer Blasius, verantwortliche FAZ-Redakteur für politische Bücher, über mich: „Für sie hatte Fritz Fischer wohl recht mit der Behauptung, dass Deutschland „kaltblütig und bewusst“ den Weltkrieg angezettelt habe.“ Doch damit liegt Herr Blasius leider falsch. Vielmehr versuche ich ja gerade zu zeigen, wie dilettantisch, chaotisch und ganz und gar nicht planmäßig die deutsche Regierung in der Krise agierte. Kaltblütigkeit war tatsächlich ungefähr die letzte Eigenschaft, über die sie verfügte. Auch sind die einzigen Führungskräfte, denen ich unterstelle, diesen Krieg wirklich gewollt zu haben, Mitglieder des Generalstabs. Aber die waren an den entscheidenden Weichenstellungen nicht erkennbar beteiligt. Also: Fischers These, dass Deutschland den Krieg bewusst herbeigeführt hat, um nach der Weltmacht zu greifen, teile ich nicht. Aber ich bin durchaus der Meinung, dass die deutsch-österreichischen Pläne, Aktionen, Fehler und Fehleinschätzungen hauptsächlich dafür verantwortlich waren, dass es zum Krieg kam. 

Dass Herr Blasius zudem meint, meine Arbeit sei allzu sehr auf Deutschland verengt, trifft einen wahren Kern. Meine Absicht war, der deutschen Leserschaft zu zeigen, was in diesem Monat in ihrem Land los war. Diesen Anspruch konnte ich in der angestrebten Tiefe nicht für ganz Europa auf einen Schlag verwirklichen. Aber alles Wissenswerte über die Julikrise in ein einziges Buch zu packen, wäre sowieso ein Unterfangen, das zum Scheitern verurteilt wäre.  

C.P. 

 

6.2.2014 Nietzsche und der Platz an der Sonne

Eine spannende Plattform im Internet ist L.I.S.A., das Portal der Gerda-Henkel-Stiftung mit seinem Dossier zum Ersten Weltkrieg. Nach interessanten Interviews mit den Professoren Gerd Krumeich, Stig Förster, Adam Hochschild und Holm Sundhausen sowie dem Dozenten Ernst Piper findet sich dort seit Kurzem das Video einer Debatte zwischen Gerd Krumeich, Herfried Münkler und Sönke Neitzel. In dieser ging es auch um die Frage, ob Deutschland in den Jahren vor dem Kriegsausbruch von den anderen Mächten bedrohlich eingekreist wurde oder sich selber durch sein aggressives Gebaren "auskreiste". Neitzel entwarf dabei das Bild vom exklusiven Club der Weltmächte, zu dem die etablierten Mächte Deutschland den Zugang verweigert hätten und stellte die Frage: "Wer ist schuld? Derjenige, der in den Club rein will, oder diejenigen, die sagen: Du darfst nicht rein?"

Tatsächlich sahen es die deutsche Reichleitung und ein großer Teil der Öffentlichkeit aufgrund der militärischen und politischen Stärke des Kaiserreichs sowie seiner kulturellen Bedeutung seinerzeit als schlichtes Recht an, gleichberechtigtes Mitglied im Club der Weltmächte (mit entsprechendem Kolonialreich) zu sein. Außenamtschef Bülow brachte das 1897 mit seiner berühmten Rede auf den Punkt: "Wir wollen niemanden in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne." Das klingt, als wäre der Club der Weltmächte ein Rechtsinstitut gewesen, auf dessen Mitgliedschaft man bei Erfüllung bestimmter Bedingungen Anspruch gehabt hätte. War er aber nicht. Das Konzert der Großmächte und ihr imperialistisches Gebaren waren allein durch die Tatsache rechtfertigt, dass sie aufgrund ihrer Stärke zu solcher Machtpolitik in der Lage waren. Aber Machtpolitik unterliegt keinen Regeln der Fairness. Vielmehr zeichnet sie sich dadurch aus, dass sie sich gerade nicht durch Ge- und Verbote beschränken lässt. Also auch nicht durch eine moralische Verpflichtung der Platzhirsche, ihre erworbenen Privilegien mit einem säbelrasselnden Newcomer zu teilen. Wenn die deutsche Reichleitung sich über den Zusammenschluss der Entente entrüstet, dann erinnert das doch sehr an die Klagen von Friedrich Nietzsche, dass sein armer Übermensch von der herrschenden "Sklavenmoral" der schwachen Massen unterjocht werde. Aber wenn Stärke der Maßstab ist, dann ist Erfolg nun mal die einzige Legitimation. Das hat schon Platon in seinem Dialog "Gorgias" deutlich gemacht. Stärke, die sich nicht durchsetzt, ist eben keine Stärke.

(Mehr zu "Gorgias" und der Philosophie der Gerechtigkeit hier)

Was die Großmächte vor 100 Jahren trieben, orientierte sich allein an ihren Interessen. Italien, sowohl vom Zweibund wie von der Triple Entente umworben, durfte dem Osmanischen Reich straflos Libyen rauben. Serbien und Griechenland dagegen hatten Albanien, ihre Beute aus dem Ersten Balkankrieg, wieder herauszurücken, weil die Großmächte das so wollten. Auch in der Julikrise kommt man mit dem Rechtsbegriff nicht weiter. Weder die österreichisch-ungarische Annexion von Bosnien noch die serbische Förderung von bosnischen Terrorakten lassen sich so begründen. Ebenso wenig der russische Anspruch auf eine Hegemonie über den Balkan oder die deutsche "Notwendigkeit", in Belgien einzumarschieren, nachdem Russland mobil machte. All diese Schritte waren nur von der Furcht bestimmt, anderenfalls die als legitim angesehene, aber durch nichts legitimierte Großmachtstellung zu verlieren.

Natürlich kann man einwenden, dass Politik schon immer eher von Ambitionen als von Recht getrieben worden ist und auch heute noch die Großmächte im Zweifelsfall auf Völkerrecht und UN-Mandat pfeifen, wenn sie ihre fundamentalen Interessen gefährdet sehen. Stimmt! Das viel zitierte "Recht des Stärkeren" gibt es jedoch nicht. Es ist nie ein Recht, sondern immer nur die Fähigkeit, Recht und Gesetz zu ignorieren. Wer diesen Weg aber geht, sollte tunlichst auch gewinnen. Geschichte wird nun mal von Siegern geschrieben.

Wie aber soll man eine Debatte über die Julikrise führen, wenn keine Seite "im Recht" war? Es bietet sich das Kriterium der politischen Vernunft an. Gerade auf diesem Gebiet aber wurden in der Julikrise alle erdenklichen Fehler gemacht und das wilhelminische Kaiserreich erweist sich leider als das Zentrum des Irrsinns. Während die anderen Mächte eine relativ unverhüllte, vernunftgesteuerte Machtpolitik betrieben und ihre Interessen klar kommunizierten, war das Kaiserreich von einem scheinbar elementaren Bedürfnis geprägt, Machtpolitik moralisch zu legitimieren und die eigenen Ansprüche durch irgendwelche diffusen Naturrechte zu begründen. Schaut man die Quellen zur Julikrise an, die ich in meinem Buch ausführlich zitiert habe, dann kann man gut erkennen, welch unterschiedliche Maßstäbe an eigenes und fremdes Handeln gelegt wurden. Gerade der deutsche Kaiser war groß darin, für Deutschland und Österreich das Recht einzufordern, ihre "Lebensinteressen" zu verteidigen, dem gegnerischen Lager aber keinerlei politische Interessen zuzugestehen, sondern hinter missliebigen Aktionen nur Aggression, Schurkereien oder Verrat zu wittern. Es hat den Eindruck, als hätten die deutschen Verantwortlichen selber nicht mehr zwischen ihren strategischen Interessen und ihren ideologischen Ansprüchen unterscheiden können. Auf diese Weise aber war man nicht fähig, mit anderen Staaten verbindliche Absprachen zu treffen. Die Staaten der Triple Entente haben nicht zusamengefunden, weil sie keine außenpolitischen Differenzen gehabt hätten, sondern weil ihre politischen Leitungen fähig waren, sich sachlich auf Einflusssphären zu einigen. Mit der deutschen Politik, die sich nie selber ernsthaft überlegt hatte, was sie eigentlich wollte, war das nicht möglich. Auch in der Julikrise wurde der Wunsch, die deutsche und österreichische Großmachtstellung zu verteidigen, unauflösbar mit dem Anspruch verwoben, den Mord von Sarajewo rächen zu dürfen. Mit dieser moralischen Rüstung glaubte man sich gegen Forderungen der anderen gewappnet. In Wahrheit verhinderte man nur eine diplomatische Lösung. Man ignorierte, dass Russland sehr frühzeitig signalisierte, dass es einen Angriff auf die serbische Souveränität nicht dulden werde. Man nahm die Warnungen aus London, dass England niemals auf der Seite eines Angreifers stehen werde, nicht ernst. Man lullte sich selber mit dem Mantra ein, der Zar werde niemals Königsmörder unterstützen, unternahm aber nicht das Geringste, um sich mit den moderaten Kräften in St. Petersburg ins Einvernehmen zu setzen. Hätte Wilhelm II. direkt nach dem Attentat eine Verständigung mit dem "lieben Nicky" über Maßnahmen gegen den großserbischen Terror gesucht, dann hätte die Geschichte vielleicht einen anderen Verlauf nehmen können.

Neitzel beklagte in der Diskussion, die anderen Mächte hätten die Interessen des deutschen Kaiserreichs nicht verstanden. Damit hat er Recht! Aber diese diffuse Mischung aus Verkennen, Überheben und Angst war auch extrem schwer zu verstehen. Im Grunde hat die deutsche Reichsleitung sie selber nicht verstanden, bzw. jeder der Beteiligten hatte eine andere Vorstellung davon. Die Interessen der andern Mächte aber hat man in Deutschland schon allein deshalb nicht verstanden, weil man moralische Maßstäbe anlegte, an die sich Großmächte nun mal selten gebunden fühlen.

C.P.


4.11.2013 Clark bei Knopp

In der Reihe History Live auf Phoenix gab es gestern eine Diskussion zwischen Christopher Clark, dem deutschen Militärgeschichtler Sönke Neitzel und dem Friedensforscher Wolfram Wette, die ich nur empfehlen kann. Dabei hat sich Clark erstaunlich weit von den Schlagworten entfernt, mit denen Randomhouse sein Buch vermarktet. Weder wolle er Deutschland entlasten, noch eine neue Schulddebatte führen, sagte er. Ihm liege vielmehr daran, den Kriegsausbruch als gesamteuropäische Krise ins Blickfeld zu rücken. Er bestritt sogar, dass seine Erkenntnisse so bahnbrechend neu seien. Er setze nur andere Schwerpunkte als bisher. 

Dass der gesamteuropäische Blick wichtig ist, unterstreiche ich unbedingt, auch wenn sich mein eigenes Buch auf Deutschland konzentriert. Aber am Ende muss mehr stehen als das Fazit "Alle Länder haben gleichermaßen risikante Großmachtpolitik betrieben." Will man verstehen, wie Krisen entstehen, dann kommt es gerade darauf an, die Spezifika der jeweiligen Politik herauszuarbeiten. Und da bin ich der Meinung, dass es ein entscheidendes Charakteristikum der Politik des Deutschen Kaiserreichs war, dass sie unberechenbarer war als die der anderen Großmächte. Die Triple Entente wurde zu einer Zeit gegründet, als man die martialischen Sprüche des irrlichternden deutschen Kaisers im Ausland noch ernst nahm. Als dann aber auch Franzosen, Briten und Russen erkannt hatten, dass Wilhelm II. in Wahrheit große Scheu vor einem tatsächlichen Krieg hatte, war längst die Angst vor einer militärischen Übermacht der Entente zum bestimmenden Faktor der deutschen Politik geworden.

Bethmann Hollweg und Bismarck

Diese Angst wird meiner Meinung nach viel zu wenig beachtet. Sönke Neitzel verneinte in der Diskussion die Frage, ob das deutsche Militär in der Julikrise eine entscheidende Rolle gespielt habe. Er sagte, der Generalstab habe schon unter Bismarck ständig Präventivkriege gefordert, ohne dass die Politik sich dadurch habe beeinflussen lassen. Aber Bethmann Hollweg, der deutsche Kanzler im Juli 1914, war eben nicht Bismarck. Bethmann Hollweg war pessimistisch, ein Zauderer und wenig durchsetzungsfähig. Er sah sich selber als völlig ungeeignet für sein Amt an und hatte auch nie Kanzler werden wollen. Meiner Meinung nach ist es ziemlich gut belegt, wie er bereits im Vorfeld der Krise immer mehr durch die Militärs und ihre Szenarien eines "unvermeidlichen Krieges", der bald nicht mehr zu gewinnen sei, beeinflusst wurde.

Aber stellen wir uns einmal vor, Bismarck wäre in der Julikrise von den Toten auferstanden und hätte die Leitung übernommen! Mein Szenario wäre Folgendes: Bismarck macht erst einmal alles ähnlich. Er sorgt dafür, dass Österreich-Ungarn Serbien ein unannehmbares Ultimatum stellt und blockt erste Vermittlungsversuche ab. Dann aber kommt der Vorschlag des britischen Außenministers Edward Grey, dass Österreich Belgrad als Faustpfand nehmen darf, während über seine Forderungen an Serbien verhandelt wird. Nun nimmt Bismarck an und bringt auch Österreich-Ungarn - notfalls durch Drohungen - dazu. Clark sagt, Grey hätte Russland nie und nimmer für diesen Plan gewinnen können. Aber Grey hat sich weit aus dem Fenster gelehnt. Die Verantwortung für eine friedliche Lösung hätte nun bei ihm gelegen. Wäre die aber an Russland gescheitert, hätte das britische Parlament niemals einen Kriegseintritt zugestimmt. Die Aussicht auf einen Krieg ohne England hätte aber vermutlich auch den französischen Präsidenten Poincaré, der bei aller Aggression ein Realist war, bewogen, Druck auf den russischen Bündnispartner auszuüben. Nicht zuletzt hätte die französische Öffentlichkeit darauf bestanden, die 1914 zu über zwei Dritteln sozialstisch oder linksliberal gestimmt war.

Auch die reale deutsche Regierung im Juli 1914 um Bethmann Hollweg wollte am 30. Juli plötzlich "aussteigen" und drängte Österreich-Ungarn, Greys Faustpfand-Plan zuzustimmen. Aber sie baute keinen richtigen Druck auf und so reagierte der Bündnispartner ablehnend. Als am Abend erste Gerüchte über eine bevorstehende russische Generalmobilmachung nach Deutschland gelangten, beugten sich die deutschen Politiker dann dem Zeitplan ihrer Militärs, die auf einen möglichst schnellen Kriegsbeginn bestanden, damit der verhängnisvolle "Schlieffen-Plan" gelingen konnte.

Vielleicht wäre es auch mit einem Bismarck zum Krieg gekommen. Ein Friedenspolitiker war der "Eiserne Kanzler" schließlich nicht. Aber er hätte das Heft des Handelns in der Hand behalten und sich niemals auf so dilletantische Weise dem Militär und dem eigenen Verbündeten ausgeliefert, wie Bethmann Hollweg & Co. das taten.

C.P.


18.9.2013 Der unselige Schuld-Hickhack

Bereits als ich Christopher Clarks Buch auf Englisch gelesen hatte, beschlich mich das ungute Gefühl, dass manche hierzulande seine Relativierung der deutschen Schuld nicht ungern hören werden und sich aus dem Ganzen eine recht unselige Debatte entwickeln könnte. Genau diese entspinnt sich jetzt, etwa in den Kommentaren zu einer kritischen, aber keineswegs verreißenden Rezension des deutschen Wissenschaftlers Volker Ullrich in der Zeit. Waren nun alle schuld oder keiner richtig? War Deutschland hauptschuldig, nicht schuldiger als die anderen oder sogar weniger?

Ich kann mir vorstellen, dass Clark die Debatte, die er da ausgelöst hat, selber nicht gefällt. In einem youtube-video betont er, dass es ihm eigentlich darauf ankam, eben nicht mit dem Finger auf einen Schuldigen zu zeigen, sondern die Ursachenkette zu verstehen, wie es zu diesem Krieg kam. Genau diese Motivation hatte ich bei meinem Buch auch. Was im Juli 1914 geschah ist (samt seiner Vorgeschichte) so wahnwitzig, so spannend, so vielschichtig, dass man jede Menge Erkenntnisse in Sachen Konfliktentwicklung, verfehltes Krisenmanagement, Dynamik von Feindbildern, sich selbsterfüllende Prophezeiungen, den Faktor Angst etc. gewinnen kann. Aber dazu muss man sich die Fakten unbefangen anschauen und alle Wünsche, eine Seite möge besser oder schlechter dastehen, ausblenden. Vielen Menschen scheint das sehr schwer zu fallen, aber ich hoffe, es entwickelt sich noch eine Debatte, die über die Schuldfrage hinaus geht.

C.P.


16.9.2013 Schlafwandler?

Je öfter ich ihn höre, desto unpassender erscheint mir der Titel von Christopher Clarks Buch. Er klingt so unschuldig, so harmlos traumverloren. Aber genau das war das Treiben der europäischen Staatsmänner vor dem Ersten Weltkrieg eben nicht. Ich stimme Clark zu, wenn er meint, dass alle irgendwie blindlings in diese Krise taumelten. Aber diese Blindheit war eben kein "schlafwandeln",  sondern eine schlimme Mischung aus Ignoranz und Chauvinismus. Jeder hat nur seine eigenen Belange und Bedürfnisse gesehen, für die Interessen der anderen aber nahezu Null Verständnis gezeigt. Wo man hinblickt, sieht man eigentlich nur Mängel: mangelndes politisches Verständnis, mangelnde Fairness, mangelnde Dialogbereitschaft, mangelnde Kompromissfähigkeit, .... Teilweise mutet es geradezu autistisch an, mit welchen Scheuklappen da Außenpolitik gemacht wurde. Aber es fehlte den europäischen Nationen zwar das Verständnis füreinander (auch unter Bündnispartnern übrigens), sie waren jedoch keineswegs blind für das, was sich beim Nachbarn tat. Im Gegenteil! Man beäugte einander mit äußerstem Argwohn. Nicht nur militärische Maßnahmen, auch diplomatische Zwischenfälle oder unfreundliche Zeitungsartikel arteten oft zu Staatskrisen aus und wurden als Beweis für die kriegerischen Absichten der Gegenseite gewertet. Sowas musste natürlich mit energischen Maßnahmen und Drohgebärden beantwortet werden, was dann natürlich wieder Rüstung und Säbelrasseln auf der anderen Seite nach sich zog. Auf diese Weise entstand wirklich eine hochexplosive Gemengelage. Doch es wäre falsch, das Attentat von Sarajewo als Zündfunken zu bezeichnen. Der Krieg hätte vermieden werden können, wenn nicht die entscheidenden Staatsmänner weiterhin in diesem fatalen Dreiklang aus "Verkennen, Überheben und Angst" gefangen gewesen wären und der Annahme verfallen, dass militärische Muskelspiele und eine Politik der Stärke das probate Mittel seien, die Situation bestmöglichst zu meistern. Die Lunte wurde von den Politikern bewusst gezündet - in der irrigen Annahme, man könne die Explosion begrenzen und kontrollieren.

C.P.

 

12.9.2013 Clarks „Schlafwandler“ sind erschienen!

Seit Montag gibt es nun das Buch „Die Schlafwandler“ des australischen Cambridge-Professors Christopher Clark auch auf Deutsch zu kaufen. Damit ist der Medien-Rummel rund um den 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges eröffnet. Schon liegen lange Artikel in Welt, FAZ und vielen kleineren Medien vor. Bei Amazon hat der (fast) 900 Seiten-Wälzer seine ersten 5-Sterne-Besprechungen. Nahezu einhelliger Tenor: ein Meisterwerk, ein bahnbrechendes Buch, das endlich mit der These von der deutschen Allein-Schuld aufräumt. Chapeau Randomhouse! Dieses Marketing war ein Volltreffer!

Aber das letzte Wort über die Julikrise ist damit natürlich noch nicht gesprochen, auch wenn sich so einige Rezensenten zu wünschen scheinen, dass Clarks Relativierung der deutschen Kriegsschuld den endgültigen Schlusspunkt hinter alle diesbezüglichen Debatten setzt. Selbstverständlich sind Clarks Ergebnisse äußerst eindrucksvoll und stellen mit Sicherheit einen wichtigen Baustein für die künftige Forschung dar. Seine Schlussfolgerungen jedoch sind durchaus anfechtbar, wie u. a. das Interview mit dem deutschen Experten Gerd Krumeich in Der Welt klarstellt. (Auf dessen Buch, das im Dezember erscheinen soll, bin ich übrigens schon sehr gespannt.)

Ein Beispiel: Auch wenn man sich Clarks Meinung anschließen sollte, dass das Ultimatum von 1914 an Serbien weniger drastisch war als die Forderungen der NATO 1999 im Kosovo-Konflikt (S. 456 der englischen Ausgabe), dann ändert das nichts daran, dass Deutschland und Österreich-Ungarn in der Julikrise bewusst unannehmbare Bedingungen stellten, da sie den Krieg gegen Serbien unbedingt wollten.  Auch zeigt Clark sehr viel Verständnis für gefährliches Großmachtsgebahren. Seine Bemerkung, eine weniger drastische Lösung als ein Krieg sei für Österreichs Konflikt mit Serbien schwer zu erkennen (S. 430), erinnert doch sehr an aktuelle Kommentare, Obama könne nicht anders, als Syrien angreifen, wenn er sein Gesicht wahren wolle. Und weil nach einem Giftgaseinsatz nun mal irgendetwas getan werden müsse – auch wenn es nichts bringt, hochgefährlich ist und die Schuld nicht zweifelsfrei bewiesen.

Im Übrigen ist die bisherige Forschung gar nicht so einhellig auf Deutschlands Alleinschuld und Fritz Fischers These vom „Griff nach der Weltmacht“ eingeschworen, wie das jetzt teilweise behauptet wird. Mancher Rezensent hat da offenbar etwas verschlafen. Trotz aller Forschung bleibt noch immer ein gehöriger Interpretationsspielraum – auch nach Clark, dessen Ergebnisse übrigens schon in meinem Buch berücksichtigt sind, da sie ja bereits seit längerem auf Englisch vorliegen.

Als Journalistin geht es mir darum, die ganze Geschichte mit all ihren Aspekten zu erzählen und nicht nur eine bestimmte wissenschaftliche Interpretation zu vertreten. Dabei wende ich mich bewusst auch an Leser ohne Vorwissen, während Clark doch so einiges voraussetzt. Auch steht bei mir Deutschland im Fokus, das bei Clark moralisch zwar gut wegkommt, ansonsten aber recht stiefmütterlich behandelt wird. Denn ich glaube, dass viele Leser und Leserinnen in erster Linie nicht an einer wissenschaftlichen Diskussion interessiert sind, sondern einfach gerne wissen möchten, was sich im Juli 1914 in ihrem Land abgespielt hat. Deswegen konzentriere ich mich auch nicht nur auf die Politik, sondern erzähle – weit intensiver als jedes Werk bisher – wie die Zeitungen berichteten, was auf den Straßen los war etc. Auf diese Weise kann ich auch zeigen, wie die deutsche Bevölkerung in der Julikrise von ihrer Regierung getäuscht und belogen wurde – was später entscheidend zu Hitlers Aufstieg beitrug. Eine Neubewertung der historischen Schuldfrage dagegen verkneife ich mir, sondern suche lieber nach den allgemeingültigen psychologischen Phänomenen hinter dem Handeln der Akteure, die auch heute noch nichts von ihrer Brisanz verloren haben.

C.P.

 

 

 

 

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